Liebe jenseits der Oper

Daniel Schmid geboren 1956 in Bern
Architekt HTL FH
Fotograf

Ausstellungen

“Nur eine Hülle“, Kornhausforum 2013
“Kampf und Tanz”, Le Pavillon hoferundhofer 2015

Meine Arbeit bezieht sich auf das Gedicht „ spiel und verfolgung“
Jandl mag sich dem Anspruch, der im Wort Liebe steckt, nicht aussetzen. Genauer : Er beschäftigt sich nur mit Lieben, die diesen Ansprüchen nicht genügen. Er will sich gar nicht diesen übertriebenen Erwartungen und hochfliegenden Hoffnungen aussetzen. Seine Gedichte gedeihen im Raum, in dem die Liebe ein irdisch fassbares Phänomen ist und am besten als Liebe gar nicht bezeichnet wird. Ihm geht es um konkrete Gefühle, um mörderische Aggressionen, um den Wunsch zu verehren und verehrt zu werden – letzten Endes um Halt. Er möchte Situationen erfassen, in denen diese Gefühlslagen eine Rolle spielen und er möchte das Denken näher kennenlernen, das von Gefühlen geleitet wird. In diesem Spektrum von konkreten Erfahrungen sind Jandl Liebesgedichte angesiedelt. Liebe jenseits der Oper.
Klaus Siblewski.

Fotografische Arbeit zum Thema Jandl

Ein Spiegel steht in der Landschaft und vermittelt Sichtweisen, zwingt Gegensätze zu akzeptieren und fordert auf, sich mit diesen auseinanderzusetzen. Er steht als Metapher für das Unbeständige und das Wandelbare, zeigt die Kehrseite der Medaille und skizziert die Grenzen eines jeden Blickes. Projiziert Möglichkeiten und lenkt das Auge der Betrachtenden auf die Dynamik des alltäglichen. Natur und Kultur verschwimmen auf einem Gemälde des 21. Jahrhunderts zu einer verschränkten Einheit. Aus dem Gegenüber wird ein Nebeneinander. Die nächstliegenden Objekte werden ausgetauscht, mit jenen, die nur mit komplizierten Kopfwendungen ersichtlich sind. Schonungslos, zensiert er das eine um das andere zu zeigen.

spiel und verfolgung

wenn sie ihn nicht gut
verfolgen kann
weil sie nebeneinander
durch die straßen schreiten
oder einander gegenüber
ein verkehrsmittel oder speisehaus benützen
verfolgt sie
seine blicke.
seit er das bemerkt hat
sind es nicht mehr die nächstliegenden objekte
männlicher betrachtung
worauf er seine blicke wirft
während sie nebeneinander
oder einander gegenüber
das beisammensein genießen
sondern alles was möglichst komplizierte
kopfwendungen bedeutet
wenn sie seine blicke verfolgt.

Ernst Jandl,
Liebesgedichte.

eBook  Suhrkamp  Verlag  Berlin  2015
Der  vorliegende  Text  folgt  der  1.  Auflage  der  Ausgabe  des  insei  taschenbuchs  4379.
©  dieser  Zusammenstellung  Insel  Verlag  Frankfurt  am  Main  und  Leipzig  2009
©  für  die  Gedichte  von  Emst  Jandl  1997,  2001
by  Luchterhand  Literaturverlag  München,  München,  in  der  Verlagsgruppe  Random  House  GmbH.